Handschriftliche Briefe schreiben ist heute out. Dabei ist kaum eine Kommunikationsform so sinnlich und persönlich wie ein Brief. Briefe schreiben stärkt auf besondere Weise Beziehung und deine Persönlichkeit. Die Briefkultur ist viel zu kostbar, um in Vergessenheit zu geraten.

„Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ – mit diesen Worten flehte der Autor seine Angebetete an, sie möge auf seine Worte reagieren. Was konnte er sonst tun, nachdem er seine auf schönem Büttenpapier geschriebenen Zeilen verschickt hatte, außer zu hoffen und zu vertrauen, sein Brief würde die Geliebte erreichen und sie würde ihm zurückschreiben? Der Verfasser dieser Zeilen musste sich in jedem Fall gedulden können, bis ihn eine Antwort erlöste. Tage oder Wochen, je nachdem wie schnell Pferde und Postkutschen die Sehnsuchtsbotschaft übermittelten.

Allein eine solche Geduld aufzubringen erscheint uns heute erstaunlich. Der ersehnte Partner kann heute per WhatsApp oder Messenger angetextet werden, der Empfang ist kontrollierbar und durch kleine Icons oder blaue Haken gekennzeichnet. Die Tastatur hat die Tinte ersetzt und die ganze Romantik, Sinnlichkeit und der ganze Aufwand eines echten Briefes sind im Digital-Praktischen minimiert.

Wir, die per Handy ständig Erreichbaren haben vielleicht immer noch Sehnsucht, haben das Warten scheinbar verlernt.

Jeder Brief ist besonders

Einen Umschlag mit einer handgeschriebenen Adresse aus dem Briefkasten zu holen, ist ein besonderer und inzwischen sehr seltener Moment. Wenn überhaupt, fischen wir aus unseren materiellen Briefkästen hauptsächlich offizielle Briefe und Werbung heraus. Laut Aussagen der Post sind heute nur noch weniger als 4 % des gesamten Briefaufkommens privater oder persönlicher Natur, Postkarten mit eingerechnet.

Dabei kommunizieren wir gleichzeitig so viel wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Wild dekorierte Briefpost meiner damaligen Brief- und Schulfreundin

 

Wer von uns kennt noch Brieffreundschaften? Hat Briefe aus Übersee bekommen mit fremden Briefmarken und Stempeln oder mit besonderen Zeichen versehen? Briefe mit der Hand zu schreiben ist altmodisch geworden. Die Briefkultur ist eine alte und über lange Zeit sehr populäre Kommunikationsform. In der Mitte des 18. Jahrhunderts kam das Briefeschreiben in Mode und wurde durch bessere Bildungschancen und Alphabetisierung für immer mehr Menschen möglich. Gerade viele Frauen fanden in dieser Zeit zum Briefeschreiben, auch weil es eine tolle Möglichkeit war, die eigenen Gefühle auszudrücken und mitzuteilen.

Einen Brief zu schreiben nahm immer Zeit in Anspruch, Konzentration (es gab ja keine Lösch- oder Korrekturtaste) und Hingabe – es konnte schon mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen, einen wichtigen Brief zu schreiben. Es musste ein Vorhaben sein, was einem wirklich unaufschiebbar erschien.

Herzzerreißende Liebesbriefe und berühmte Briefwechsel sind dabei herausgekommen, die in Büchern veröffentlicht bis heute faszinieren. Allein Rainer Maria Rilke hat 7000 Briefe hinterlassen. Sie sind zum Teil geschichtsträchtig, manchmal albern und immer einmalig – so wie jeder Brief, den ein Mensch schreibt.

Hier ein paar schöne Zitate aus Briefen:

 „Süßes! Engel vom westlichen Fenster! Heller Traum! Ich will nie mehr schimpfen, wenn du einem alten Ischiatiker davonläufst. …Komm wieder komm wieder – Bebende, ach endlos Geliebte – „
aus den Briefen von Erich Maria Remarque an Marlene Dietrich, in den 1940er Jahren.

 

„Schreiben Sie mir nur einmal in der Woche und so, dass ich Ihren Brief Sonntag bekomme. Ich ertrage nämlich Ihre täglichen Briefe nicht, ich bin nicht imstande, sie zu ertragen.”

aus den Briefen von Franz Kafka an Felice Bauer, ca. 1915.

 

 „Sei bitte, bitte nicht böse mit deinem Baby…“

aus einem Brief von Marilyn Monroe an Joe DiMaggio

 

„Ich erwarte Sie, ich liebe Sie, ich möchte Ihnen alles sein und dann sterben.“
aus einem Brief von Julie de Lespinasse an Graf Guibert, um 1750.

 

„Ich denke, dass man den Teig bei der Zubereitung sehr gründlich durchrühren sollte, und er sollte vor dem Backen nicht zu lange stehen.“
Ein Eierkuchenrezept in einem Brief von Königin Elizabeth II. an US-Präsident Eisenhower, 1960.

 

„Mit dem Beantworten von Briefen verdient man nichts.“
aus einem Brief von Groucho Marx an Woody Allen,1967.

 

Warum sollten wir heute Briefe schreiben?

Das Briefeschreiben ist wie eine aus der Zeit gefallene Technik, die wieder geübt werden sollte. Wann hast du das letzte Mal einen Brief geschrieben? Also, nicht einen formalen, möglichst neutralen Brief, sondern einen ganz persönlichen?

Zugegeben, das Schreiben mit der Hand ist ein Prozess, auf den wir uns einlassen müssen, mit dem Entschleunigen der Zeit als Voraussetzung. Wir werden jedoch belohnt mit der Chance, reflektieren zu können und mit möglichen neuen Erkenntnissen. Einfach, weil wir den Prozess überhaupt zugelassen haben. Mit dem Entdecken der eigenen inneren Stimme, die wir sonst gar nicht mehr richtig wahrnehmen.

Handelt es sich um große Gefühle oder schwierige Themen, bleibt ein handschriftlicher Brief das Beste, was wir machen können: Um sich zu erklären, sich zu entschuldigen und um seine Gefühle irgendwie zu fassen.

  • Ein Brief zeigt große Wertschätzung.
  • Ein Brief stärkt die persönliche Beziehung – zu einer anderen Person und zu dir selbst.
  • Einen Brief schreiben stärkt die eigene Konzentration und Persönlichkeitsentwicklung.
  • Briefeschreiben ist sinnlich.
  • Ein Brief zeigt Charakter.

 

Was kannst du tun, um das (Briefe)schreiben zu üben?

Da die meisten von uns nicht mehr viel mit der Hand schreiben, zählt jedes handgeschriebene Wort, diese müssen nicht unbedingt an andere Menschen gerichtet sein. Auch persönliche Notizen in deinem Kalender, auf Erinnerungszetteln, auf eine Tafel oder auf große Blätter machen etwas mit dir. Übe deine Handschrift und übe das schreiben, egal wie.

Du kannst es an einem schönen Ort, in deinem Lieblingscafé oder einem Ort draußen mit einer besonderen Stimmung ein wenig zelebrieren. Oder du nimmst an einem Intuitiven Schreibabend von mir teil, wo du unter kreativer Anleitung das Schreiben für dich üben kannst.

Schreibübung:
LIEBESBRIEF AN DICH SELBST
Du musst nicht gleich einen schwierigen Brief an jemanden schreiben, du könntest mit einem Brief an dich selbst anfangen. Schreibe doch mal an dich selbst einen Liebesbrief.

Kommt dir komisch vor? Macht nix, fang einfach damit an und schreibe den Brief an dich, den du gerne selbst mal bekommen wolltest. („Liebe Sabine! Ich habe lange auf diesen besonderen Moment gewartet…“)

Welcher Brief ruft in dir und wartet darauf, durch deine Hände in die Welt zu kommen? Welche Zeilen möchtest du jetzt gerne festhalten? Ich wünsche dir ganz viel Inspiration und Muse dafür!