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Ein hemmungsloses Plädoyer für das händische Schreiben im Zeitalter der virtuellen Kommunikation

Wer dies liest, liest Pixel

Lieber Leser, wie gerne würde ich dir jetzt mit meiner Handschrift schreiben. Dann hätte ich dir tatsächlich sehr persönlich meine Gedanken mitgeteilt und du hättest in meiner Schrift meine ureigenste Verbindung von Hand und Gedanken erkennen können. Doch hier siehst du nur Pixel.

Diese Pixel sind eine Art, das Geschriebene darzustellen. Der Beginn dieses Textes war auch im Ursprung – wie sollte es anders sein – mit der Hand geschrieben. Im folgenden Text will ich zum einen auf den Prozess des Schreibens mit der Hand eingehen als auch seine Bedeutung vermitteln.

Ich schlage hiermit eine Lanze für das händische Schreiben, mit einem Stift auf Papier. Eine höchst analoge Technik im Zeitalter von virtueller Kommunikation, Computern mit Textprogrammen sowie der allgegenwärtigen Handytastatur.

Über das Schreiben mit der Hand können wir einen heilsamen Prozess erfahren.

Natürlich ist die Kommunikation mit Worten über alle Medien notwendig, möglich und allgegenwärtig. Doch mit einem Stift in der Hand kommen wir mitunter besser in Kontakt mit unserer Identität.

Es gibt nichts Persönlicheres als das geschriebene Wort.

Beim Schreiben zum Ursprung kommen

Wer schreibt schon noch Briefe, heute in Zeiten von WhatsApp und E-Mails? Auch ein Tagebuch zu führen erscheint regelrecht altmodisch. Heutzutage bekommen die Kids leider keine kleinen Tagebücher mehr geschenkt, sondern sehr viel öfter Smartphones. Auch das Schreiben von Postkarten ist inzwischen selten geworden, auf Glückwunschkarten verewigen sich wahrscheinlich die meisten am ehesten noch mit der Hand. Dabei ist das Briefeschreiben eine der ältesten menschlichen Kommunikationstechniken.  

Die persönliche Note ist eins der wichtigsten Hauptmerkmale beim händischen Schreiben. Jedes Wort, jeder Buchstabe ist tatsächlich mit der Kraft der eigenen Hand entworfen worden. Das erfordert in der Tat eine deutliche Fokussierung auf die eigene Tat und die eigenen Gedanken.

Das händische Schreiben geht viel langsamer vonstatten als das Schreiben mit der Tastatur. Okay, es gibt auch ziemlich fitte Leute im Schnellschreiben – mich inbegriffen. Doch selbst ich, die schnell über die Tasten fliegen kann, brauche das Schreiben mit der Hand. Es zwingt mich, langsamer zu werden.
Ich brauche es natürlich auch, um schnell Notizen machen zu können, wenn ich Glückwunschkarten schreibe oder um jemandem eine schöne, persönliche Botschaft zu hinterlassen. Doch das händische Schreiben kann noch viel mehr. Das Schreiben mit der Hand bringt mich zur langsameren, zur gründlicheren Reflexion. Es ist ein bisschen wie eine Meditation mit einem Stift.

Was passiert beim Handschreiben im Kopf? Haben wir bestimmte Gedanken und Bilder in uns, bleiben diese im Reich von Bildern, Fantasien und Vorstellungen und in bestimmten Gehirngegenden hängen. Mit der Verschriftlichung setzen wir allerdings noch andere Gehirnreale in Gang. Das Schreiben mit der Hand fördert Prozesse und Verknüpfungen im Gehirn und synchronisiert die Gehirnhälften.

Seine Gedanken zu Papier zu bringen, ist eine komplexe Gehirnleistung. Das händische Schreiben braucht seine Zeit und wir brauchen Geduld, um unsere Gedanken zu manifestieren. So können wir unseren Geist beim Denken sozusagen dokumentieren. In der Zeit, die wir brauchen und in der Konzentration auf den Schreibprozess üben wir auch, den Fokus auf unseren Gedanken auszurichten und zu halten.

In einer Zeit der schnellen, um uns rauschenden Worte wirkt es entschleunigend und regelrecht beruhigend, kurz innezuhalten und die Gedanken anzuschauen und festzuhalten, Wort für Wort. 

Schreiben als Ritual und heilende Methode

DAS THERAPEUTISCHE SCHREIBEN ist eine wirksame Methode, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu ordnen. Es entfaltet seine Wirkung immer komplett selbstständig und autark, wir brauchen dabei immer nur uns, unsere Zeit, einen Stift und eine papierne Unterlage. Ich selbst weiß um die heilende Kraft von schriftlichen Reflexionen nur zu gut. Seit vielen Jahren benutze ich Stift und Papier, um mich zu ordnen, mich wieder zu beruhigen oder etwas zu ergründen. In meinen Tagebuch-Schriften habe ich meine eigene Geschichte festgehalten. Spontan entstanden und immer wieder nachlesbar.

Indem wir es schreiben, holen wir es aus uns heraus.

Wir können damit wirre Gedanken nebeneinander stellen. Es zwingt unseren Geist, in Ruhe zu ordnen. Satz für Satz. Diese Technik kann jeder selbst anwenden und ist komplett kostenlos – und sie ist jederzeit verfügbar.

Es gibt einige schöne Formen für das Schreiben mit der Hand, die leicht in den Alltag einzubauen sind:

  1. TAGEBUCH SCHREIBEN
    Vorwärts schreiben, um rückwärts zu verstehen – wie kann das besser gehen als mit der Hand? Tagebuch schreiben ist eine wunderbare Art, um den heilsamen Schreibprozess zu etablieren. Durch die Wiederholung kann sich der heilsame Prozess stets aufs Neue einstellen. Darüber hinaus können wir praktischerweise auch danach noch mal nachvollziehen, welchen Prozess wir da gemacht haben. So kommen wir schreibend unserer eigenen Geschichte auf die Spur. Kann wirklich spannend und aufschlussreich sein, sein eigener Lebensbeschreiber zu sein.

    Ich habe mein persönliches Schreib-Buch und einen Stift so oft schon mitten in der Nacht rausgeholt – eine sehr empfehlenswerte Technikbei innerer Unruhe und kreisenden Gedankengängen! So ein Buch an seiner Seite ist ein wirklich treuer Begleiter!

    Mit der Hand zu schreiben wirkt umso besser, je regelmäßiger wir es tun. So kann das Schreiben auch als Ritual der Veränderung eingesetzt werden.

     

  2. 2. EINE TÄGLICHE DANKESLISTE hilft, die wohltuenden Gefühle der Dankbarkeit zu pflegen. In unruhigen Zeiten oder in Phasen, wo wir innerliche Stärkung brauchen, kann dies sehr heilsam sein. WIE geht das?
    Jeden Tag mindestens drei Dinge aufschreiben, für die man dankbar ist in seinem Leben. Ihnen fällt nichts dazu ein? Wie wäre es damit, dass es schön ist, zwei gesunde Beine zu haben oder ein warmes, trockenes Zuhause? Dieses bitte mindestens 21 Tage lang machen – das kann den Blick auf das eigene Leben sehr bereichern!
  3. EINE WERTSCHÄTZUNGSLISTE ist eine weitere empfehlenswerte Schreibmethode, um sich seines eigenen Wertes bewusst zu werden. Die meisten von uns sind es gewohnt, sich kleiner zu machen, als sie sind. So übersehen wir so viel, was an uns wertvoll ist und wichtig. WIE geht das?
    Jeden Tag fünf Dinge aufschreiben, die man an sich wertschätzt. Auch diese Übung bitte mindestens drei Wochen lang täglich machen. Danach hat sich eine neue Gewohnheit etabliert: Sich selbst positiver wahrzunehmen als vorher.

FAZIT:
Es lohnt sich, das händische Schreiben zu üben. Mit der Hand schreiben macht ausgeglichener, fokussierter und schöner. Also, immer wieder. Ich bin das beste Beispiel dafür ;–)